"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Mittwoch, 28. März 2018

Dienstag, 27. März 2018

In den Bergen bei Pendeli


In den Bergen bei Pendeli gehe ich unter den Pinien
Ich suche den Tod, aber er ist ein Fremder.

In der Dämmerung treffe ich ihn schließlich in den Bergen bei Pendeli
und ich sage mit Schmerzen:

"Verschone mich, Tod, lass mich noch etwas leben. Ich habe eine Frau
und Kinder und ich kann sie nicht verlassen."

Er sieht mich an und lächelt, als wollte er mich gehen lassen.
Dann sagt er laut: "Ich nehme dich, ich verschone dich nicht."

Sonntag, 25. März 2018

I'm alone

Ich hab's vor dreißig Jahren geschrieben, er hat's vor dreißig Jahren gesungen, und heute ist es so.



Sonntag, 18. März 2018

Korrekter Stadionrock

F. hat mich zu dem Feine Sahne Fischfilet-Konzert mitgenommen. Ich habe über die Band bislang nur gelesen, Deutschpunk vertrage ich ja normalerweise nur, wenn er älter als 20 Jahre ist. Aber warum nicht, es ist ja immer gut, auch mal neue Dinge zu hören und nicht nur in Konzerte zu gehen, in denen man selbst zum jüngeren Publikum gehört.

Durch den eiskalten Abend gehen wir zur Columbiahalle, hunderte von Leuten stehen davor. Wir haben kurz Sorge, dass noch gar kein Einlass ist, stellen aber fest, dass der Eingang schon offen ist, allerdings ein Großteil der Konzertbesucher sich noch vor dem Konzert noch ein paar Flaschen Bier oder eine Flasche Schnaps einzukippen. Vorteil ist, dass wir noch einen relativ günstigen Platz in der ausverkauften Columbiahalle finden. Ich bin etwas feige und platziere mich hinter den Soundleuten. War aber die richtige Entscheidung.

Als Vorband Not on tour aus Tel Aviv, Punk mit Sängerin. Hat mir sehr gut gefallen, vertrackte Liedchen, bei denen man die Songstruktur erst versteht, wenn sie vorbei sind, trotzdem schön melodisch und mit gutem Drive. Live hat mich das teilweise an die von mir schwer vermissten Life but how to live it erinnert, auf CD hört es sich eher an wie eine Hochgeschwindigkeitsversion von All. Sehr schön, im Mai kommen die wieder nach Berlin, werde mal sehen, dass ich wieder dabei bin. Ich habe mir auch die CD gekauft, 18 Lieder in 26 Minuten, ganz wie früher.

Feine Sahne Fischfilet lassen sich mit drei Liedern ankündigen, California über Alles von den Dead Kennedys, Halbstark in der Fassung der Toten Hosen und ein deutsches Hiphop-Stück, das ich (natürlich) nicht kannte. Das erste Stück klingt dann auch nach Toten Hosen, der komplette Saal ist in Aufruhr, jede Zeile wird von Anfang an mitgesungen, Bierbecher fliegen quer durch den Raum, der Sänger öffnet unentwegt Bierflaschen, trinkt kurz an, und gießt den Rest über das Publikum oder schmeißt die (Plastik-)flasche gleich weiter. Einerseits freue ich mich, dass ich einen Platz weiter hinten gewählt habe, andererseits habe ich das Gefühl, alle Sünden meiner Jugend büßen zu müssen. Die Toten Hosen habe ich nie gesehen. Als es mich interessiert hätte, war ich noch zu jung, als ich zu den Konzerten gehen hätte können, hat's mich nicht mehr interessiert. Ich glaube, dass die Hosen insgesamt wichtig sind, bitte allerdings darum, mir so etwas nicht anhören zu müssen.

Man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass in einem Lied von Not on tour mehr musikalisch passiert als in einer halben Stunde Feine Sahne Fischfilet, aber dann würde man wohl das Wesentliche übersehen. Für das Publikum ist die Band ein großes Identifikationsobjekt, jeder kennt jeden Text auswendig, ich habe Leute gesehen, die bei den langsameren Liedern Tränen in den Augen hatten. Bei alles Sauf- und Krawallromantik ist die Botschaft der Band, Respekt voreinander zu haben. Ich finde es gut, dass es für die nach Alkohol und Krach dürstende Jugend eine Alternative zu den ganzen Rechtsrock-Bands gibt. Und ich finde es prima, dass diese Alternative dann auch noch aus Mecklenburg-Vorpommern kommt. Und auch wenn ich mit der Musik nicht wirklich viel anfangen konnte, ist die Band schon sympathisch und aufrecht. Ein Lied durften sogar der Vater und der kleine Bruder des Sängers singen.

Das Konzert uferte immer mehr aus, Leute sprangen von den Tribünen, ritten auf Aufblastieren über die Menge, ein großes Pfeffifass mit Trinkschläuchen wurde rumgereicht. Am Schluss tauchte noch jemand auf der Bühne auf, den ich bislang noch nie live gesehen habe und das eigentlich auch nicht wollte: Campino sang ein Lied mit. Die Band spielte dann noch ein paar Zugaben, bis sie selbst und das Publikum kaputt gespielt war.




Donnerstag, 8. März 2018

Robert Rotifer

Obwohl ich jetzt schon über zwei Jahrzehnte in Berlin wohne, habe ich es bislang nie ins Quasimodo, einen alten Jazz-Club im Westen, geschafft. (Wer übrigens meint, dass das grusligste Publikum auf Konzerten der angejahrten Punkbands zu finden sei, täuscht sich. Jazzclubs sind schlimmer. Lauter alte Männer, die sich modisch aufgegeben haben. Ich passe da sehr gut hin).

Letztes Jahr hatte ich schon Karten für Mike Watt, der dort spielte, aber da wurde ich leider krank. Gestern machte ich mich spät auf den Weg, weil Robert Rotifer dort ein Konzert spielte. Robert Rotifer ist Österreicher, der seit zwanzig Jahren im UK lebt. Ich schätze die Berichte von Rotifer zu Brexit-England, die immer wieder auf der fm4-Seite erscheinen (und als ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass ich schon vor Jahren in der Berliner Zeitung immer seine kleinen Berichte aus England gelesen habe).

Eigentlich ist Robert Rotifer aber Musiker. Mit seiner Band hat er verschiedene Platten aufgenommen, die man vielleicht als kenntnisreichen, detailverliebten Britpop bezeichnen kann. Die letzte Platte ist aber anders: Sie enthält deutschsprachige Lieder zur akustischen Gitarre. Der Wechsel zum deutschen Gesang kommt nicht zufällig mit den neuen politischen Entwicklungen im UK. Rotifer begleitet sich mit flinkem und präzisem Fingerpicking. Ich konnte ihm beim Konzert auf die Hände sehen und war fasziniert, wie schnell sich Daumen und Zeigefinger über die Saiten bewegten und den filigranen Hintergrund zum Gesang bauten.

Ich hatte mir vor dem Konzert einige der Lieder schon angehört, der richtige Zugang hatte mir aber gefehlt. Die Texte sind politisch auf eine Weise, die sich nicht sofort erschließt. Sie haben eine Qualität einer nüchternen Klarheit, für die ich ansonsten kaum Beispiele finde. Im Konzert verstand ich dann, was ich vorher nur in Ansätzen erahnte. In den Liedern findet sich die Trauer über den Verlust von etwas, das man zuvor als eine sichere Errungenschaft gesehen hatte. Sie beschreiben den Alltag, während sich ringsherum das Unheil zusammen braut. In "Sie können schon" wird - anhand einer Beobachtung beim Sicherheitscheck am Flughafen beschrieben, wie schnell Dinge, von denen man denkt, "das können die nicht machen", "das lässt sich doch niemand gefallen" dann doch passieren. Ich habe an dem Abend besser verstanden, warum mich der Brexit so sehr beschäftigt. Meine Zeit im UK ist schon Jahrzehnte her, ich kenne auch nur noch wenige Leute dort, aber das UK war in meinen Gedanken immer ein sicherer Hafen der Vernunft, wenn es bei uns den Bach runtergehen sollte. Und nun haben die's schon vor uns geschafft. Vielleicht lässt sich, wenn man sich die Entwicklungen dort genau ansieht, lernen was zu tun ist, wenn um einen herum alle verrückt werden.


Die Texte beschreiben alltägliche Dinge, man kann sie wohl auch hören, ohne groß an Politik zu denken, sie weisen allerdings auf die großen Dinge. Sie sind wie kleine, harmlos scheinende parabelhafte Kurzgeschichten, die man zweimal hören, lesen muss. Dann bleiben aber die Refrains im Ohr hängen und kommen wieder, als hellsichtige Kommentierung von harmlos scheinenden Ereignissen.

(Die Platte von Robert Rotifer heißt "Über uns", allein zu dem Titel und dessen möglichen Bedeutungen könnte man ja einen kleinen Aufsatz schreiben.)




Sonntag, 18. Februar 2018

Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen

Vor drei Jahrzehnten kaufte ich mir die Black Flag-LP "The process of weeding out", eine Platte mit vier langen freejazz-artigen Instrumentalimprovisationen. Nicht unbedingt, was man von einer amerikanischen Hardcore-Punk-Band erwartete. (Was diese Platte bei mir bewirkt hat, habe ich vor Jahren hier mal aufgeschrieben). Auf dem Cover fand sich eine kurze Notiz des Gitarristen Greg Ginn, der eine Art Hipster-Theorie aufstellte, dass im Zeitalter der Zensur subversive Inhalte - für autoritäre Leute unentzifferbar - auch durch Instrumentalmusik transportiert werden können. Die Notiz begann mit den Worten: The revolution will probably be televised. But I don't have a T.V. and I'm not gonna watch.

Diesen Satz fand ich gut (ich habe mir irgendwann auch mal ein Black Flag-T-Shirt gebastelt, wo er drauf stand), aber ich verstand ihn schon mal ganz falsch. "... and I'm not gonna watch." hatte ich als eine Art, "ist mir doch egal" interpretiert, wirklich erst Jahre, Jahre später wurde mir klar, was damit gesagt wurde. Man mag mir nachsehen, dass sleepy old Unterallgäu no place for street fighting men war.

Das größere Versäumnis war aber, dass ich auch nicht verstand, dass Ginn hier einen Faden aufnahm, der noch aus den Siebzigern stammte. Ich hatte keine Ahnung von schwarzer Musik der sechziger und siebziger Jahre und deswegen kannte ich auch Gil Scott Heron nicht, der 1971 das Lied "The revolution will not be televised" aufnahm. Damals kannte man halt nur die Musik, die im Radio kam oder die jemand in der Bekanntschaft hörte. Inzwischen liegt aber das gesamte musikalische Schaffen offen vor einem, so dass ich letzthin über das Lied von Gil Scott Heron gestolpert bin.

Müsste man inzwischen noch einmal eine neue Version machen? Auf welchen Kanälen würde die Revolution übertragen? But I'm not gonna watch.

Samstag, 20. Januar 2018

Dork



K. hielt seine Hand vor die Studiotür, sein Chip wurde erkannt und er konnte passieren. Sein Monitor und Computer gingen automatisch an, als er sich hinsetzte. Er sah auf die Uhr am Monitor: Noch fünfzehn Minuten, genug Zeit alles vorzubereiten. Er konnte tatsächlich durch eine Scheibe, die allerdings nur in eine Richtung transparent war, in das Studio nebenan sehen. Ihn hatte das immer schon gewundert, er hätte mit seinem Monitor auch 100 Kilometer entfernt sitzen können und seine Arbeit machen, aber offenbar wollte es die Tradition so. Er konnte zwar in das Studio sehen, reingekommen wäre er aber nie. Seine Sicherheitsfreigabe ging dann doch nicht so weit. 

Nach Plan würde er mit Will arbeiten. Will war wohl der Älteste im Technikerteam, hatte wohl nach der T-Katastrophe hier auch das System aufgebaut, inzwischen musste man sich wundern, dass er überhaupt noch die Technik verstand. Aber er war ein ruhiger und stiller Zeitgenosse, K. arbeitete gerne mit ihm. Letztlich war die Aufgabe auch nicht schwierig. Die Bildregie wurde anderswo geregelt, Will und K. mussten nur aufpassen, dass es mit dem Stream keine Probleme gab. Die meisten Leute sahen den Stream über ihre Retina-Displays, einige mit Datenbrillen. Um Unfälle zu vermeiden, mussten die vorgeschriebenen Warnsignale, fünf und eine Minute vor Beginn des Streams gesendet werden. Außerdem musste man auf ungewohnte Signale aufpassen. K. dachte an den Laserzwischenfall, der vor Jahrzehnten dazu geführt hatte, dass die ersten Anwender der Retina-Displays erblindeten. Das war damals eher ein Security-, als ein technisches Problem gewesen, auch deswegen waren die Sicherheitsvorkehrungen so scharf. Man hatte befürchtet, dass viele das Retina-Display danach ablehnen und bei den Datenbrillen bleiben würden. Die Datenbrillen hatten vor allem den Nachteil, dass sich jeder problemlos den Sendungen entziehen konnte. Aber man hätte keine Sorge haben müssen, fast alle hatten sich an die Retina-Displays gewohnt. Es mochte vielleicht fünf Prozent Verweigerer geben, aber eine bestimmte Anzahl an Querulanten gab es ja immer. 

Will kam, stellte seine Tasche ab. Sie begrüßten sich und sahen schweigend den Vorbereitungen im Studio zu. Dork war bereits da, mit seinem ganzen Stab von Visagisten und Assistenten. Er hatte seine charakteristische schwarz-rot gefleckte Latexmaske auf, der Kopf dabei merkwürdig verlängert. Will schnaubte. „Der Feuerspucker ist wieder dabei. Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu hell wird.“ K. stellte schon einmal vorsichtshalber einen Filter ein. Von drüben kam das Zeichen, Will sendete das Fünfminuten-Warnsignal. In fünf Minuten würde praktisch das öffentliche Leben zum Stillstand kommen. Nur der Nahverkehr würde wie gewohnt funktionieren, der wurde schon seit Jahrzehnten ohne menschliche Fahrer abgewickelt. 

K. mochte Dork nicht sonderlich. Dork war nun schon der achte, für den er hier arbeiten musste. Merkwürdig waren sie ja alle, aber K. hatte das Gefühl, dass es mit jedem noch schlimmer wurde. Die Entscheidung, sie bereits alle Jahre auszuwechseln, hatte aus seiner Sicht auch nicht geholfen. Es gab natürlich auch Pendelbewegungen. Nach jedem vulgären aggressiven Typ kam dann ein eher überschwänglich aggressiver Typ oder eine überschwänglich aggressive Frau. K. konnte sich aber nicht erinnern, einen der Vorgänger oder Vorgängerinnen besonders geschätzt zu haben. Aber die Leute im Land sahen es offenbar anders, sonst wären diese Gestalten ja nie so weit gekommen.

K. hatte mit Will noch nie über die Zeit nach der T-Katastrophe gesprochen, heute wandte er sich aber in einem Impuls an ihn. „Hast du eigentlich T. noch wirklich miterlebt?“ Will nickte: „Ich war noch ein Teenager. Meine Eltern sind damals im Seattle-Blitz gestorben.“ Der Ort, wo früher Seattle war, war inzwischen eine ewige Gedenkstätte, genauso wie große Teile der nunmehr ölig schwarzen Küste Alaskas. Das mit der Seattle-Gedenkstätte hatte K. nie verstanden, es würde sowieso Jahrhunderte dauern, bis man sich der Gegend wieder nähern konnte. „Wir haben damals mit T und seinen Schergen aufgeräumt. Ich hatte auch Hoffnung, dass danach Vernunft und Fortschritt wieder einkehren.  O. schien ein gutes Gegenmodell, sie schien offener, freundlicher. Aber wir waren einfach blind, auch das ging ja nicht allzu lange gut. Es ging weiter mit Sensation, Emotion, Geschrei. Offenbar gefiel das den Leuten besser, auch als die nächste Katastrophe drohte. Dann kamen die Manhattan-Beschlüsse.“ K. nickte gedankenverloren. Will und er gehörten schon dadurch zur Elite, dass sie überhaupt von den Manhattan-Beschlüssen wussten. Nach dem neuerlichen Fiasko beschloss eine Versammlung, über deren Zusammensetzung es sehr unterschiedliche Berichte gab, dass das Volk offenbar sich immer für einen Krawallbruder entscheiden würde. Um die schädlichen Folgen solcher Entscheidungen zu reduzieren, wurden die wahren Entscheidungsbefugnisse vollkommen vom Amt getrennt. Krawallbrüder machten Krawall, hatten aber keine Macht mehr, Schaden anzurichten. Die meisten Leute merkten gar nicht , dass alles nur Show war oder es war ihnen egal. K. hätte gerne mehr darüber gewusst, aber Fragen stellen war gefährlich.

Das nächste Zeichen kam. „Nur noch eine Minute!“ K. schaltete das Warnsignal. Er sah ins Studio hinüber. „Hat der heute wieder den meterhohen rot-blauen Plastikpenis dabei? Heißt das, dass der Chinese auch kommt?“ Will schaute hastig in der Dokumentation. „Ja, heute ist wieder Staatsbesuch, der Chinese kommt.“ K. seufzte. Er sah auf den Mann mit der rot-blauen Maske, der einen meterhohen Plastikpenis mit beiden Händen über den Kopf hielt und sich darauf vorbereitete, gleichzeitig zu brüllen und Feuer zu speien.

Er ließ den Ankündigungsjingle laufen: „Meine Damen und Herren, es folgt eine Ansprache des Präsidenten der USA.“