"In the absence of intimidation, creativity will flourish"
G.Ginn

Mittwoch, 22. Februar 2017

Die Ballsaison 1987/1994

1987 konnte ich endlich selbst zu Konzerten fahren, das hieß bei uns meistens die eineinhalb Stunden nach München zu Alabamahalle, Theaterfabrik oder später Kulturstation, später dann auch häufig Augsburg. Von 1987 bis 1994 war ich ziemlich viel unterwegs, da gab es auch noch genug spannende Dinge zu sehen. Auf Youtube finden sich einige Konzertmitschnitte aus der Zeit, von den Bands, die ich damals gesehen habe. Im Folgenden eine kleine Zusammenstellung. Wer sich für die Musik interessiert, ist wahrscheinlich mit den Studioaufnahmen besser bedient, weil die Liveaufnahmen meistens relativ schlecht sind. Aus den kleinen Filmchen lässt sich allerdings die Atmosphäre damals erahnen, kleine Läden, wildes Publikum, viel Interaktion zwischen Bands und Publikum. Die Bands inzwischen zumeist nur Spezialisten bekannt.

Viele Erinnerungen werden wach: An Mr Chi Pig, der gerne als Cheerleader verkleidet oder mit Gorillamaske auf die Bühne kam, Skeeter Thomson von Scream, der in einem der Videos elegant vom Stuhl fällt (und ansonsten auf der Bühne gerne "Wahnsinn" sagte), alleine die Stahl-Brüder von Scream, damals noch mit vollen Locken, Scott Reynolds von All, der sich seine Hosen mit Klebeband festgeklebt hat, H.R. von den Bad Brains, mit seinen Saltos auf der Bühne.....


Sonntag, 19. Februar 2017

Alte Flummies hüpfen hoch

Mein Bruder Michali mag die Subhumans sehr gerne. Nachdem ich letzthin zu ihm nach Bayern gekommen bin, um mir die UK Subs anzusehen, kam er nun nach Berlin, damit er die Subhumans auch mal live sehen kann. In den frühen Achtzigern waren die Subhumans neben Crass sicher die bekannteste Anarchopunk-Band. Anders als die zugegebenerweise faszinierenden Dogmatiker von Crass hatten die Subhumans allerdings auch einen ausgeprägten Sinn für Humor. Musikalisch stachen sie ohnehin aus der eher deprimierenden England-Punk-Szene der Achtziger heraus.

Eher zufällig ergab es sich, dass wir uns für das Konzert auch mit Blognachbarin Frau Kirschblüte verabredeten. Da wir uns noch nicht begegnet waren, schickte ich ihr vor dem Losgehen ein Küchentischselfie von M. und mir. Als Antwort kam nur, dass sie nach den Ackerbau-Yetis Ausschau halten werde. Das Treffen war dann auch kein Problem. Ich bekam sogar ein selbstgemachtes Gastgeschenk, ein Unikat:

(Ein gewisses sich leitmotivisch wiederholendes Thema zumindest auf der Yeti-Seite war allerdings, dass wir aufgrund beginnender Altersweitsicht größere Probleme hatten, die Aufschrift genau zu entziffern. Rentner-Punk rules.)

Das Konzert im Cassiopeia begann mit dem dänischen Trio Them Bailers. Ich würde mal sagen, dass sie Screamo-Sludge-Metalcore spielten. Der Schlagzeuger machte so Metal-Doublebass-Geboller, obwohl er gar keine Doublebass hatte. Der Gitarrist kreischte dazu, der Bassist gurgelte. Das war irgendwie nicht so meines, auch wenn einige Lieder ganz interessante Teile hatten. Danach die dänischen Wayl. Auch ein Trio, auch wieder ein Bassist mit einem Matratzenbart. Frau Kirschblüte meinte, das seien die dänischen Green Day, und das traf es ganz gut. Schön melodischer Hardcore, gut gesungen, kompetent gespielt (ich bin immer wieder erstaunt, wie gut die neuen Band alle technisch sind. Vor 25 Jahren wäre man komplett aus dem Häuschen gewesen ob der Kunst und des Songwritings). Der Bassist wollte ein bisschen Konversation machen und fragen, wer schon mal in Dänemark war etc. Das Berliner Publikum reagierte berlinerisch: "Halt die Fresse und spiel!" Die Dänen ließen sich aber zurecht nicht stören. Sie hatten auch eine der schönsten Konzertansagen, die ich bislang gehört habe: "The next song is about waiting. It is called.... 'Waiting' " Keine weiteren Fragen.

Schließlich die Subhumans. Dick Lucas, der Sänger, muss auch schon deutlich über 50 sein, hat aber immer noch die Statur eines spillerigen hyperaktiven Teenagers. Der Bassist dagegen war eher gemütlich, es war aber ein Vergnügen, seinen Fingern zuzusehen. Lucas hüpfte von Anfang an über die Bühne wie ein Flummie, der Sound war gut. Ich kannte die meisten Lieder von früheren Zeiten, fand sie aber live tatsächlich noch ein Stück besser; die Platten in den Achtzigern waren soundtechnisch nicht unbedingt optimal. Beim Konzert fiel mir auch auf, dass die Lieder wesentlich komplexer waren, als ich sie in Erinnerung hatte. Vor der Bühne hüpften einige Unentwegte herum, in der Yeti-Zone weiter hinten blieb es eher bei gelegentlichem Mitwippen. Die Band war auf jeden Fall fantastisch, nach etwa eineinhalb Stunden hatte sie das Publikum an die Wand gespielt.

Meine Fotografierversuche waren nicht erfolgreich, mich tröstet nur, dass auch Frau Kirschblüte nicht viel bessere Fotos geschafft hat (hier kann man allerdings Fotos vom Profi sehen)

Nach dem Konzert noch ein bisschen beim Merchandising rumgelungert, neben T-Shirts gab es eine Auswahl an Band-Babystrampler und selbstgestrickten Kinderpullis. Nett.

Ein schöner Abend, mal sehen, ob die Rentner-Punk-Konzertreihe dieses Jahr noch weiter geht.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Ü50-Party im Feierwerk

Ausnahmsweise mal wieder in München auf einem Konzert, damit ich mir mit Michali die UK Subs ansehen kann. Der Sänger, Charlie Harper, ist eine Woche älter als mein Vater und seit vierzig Jahren mit der Band unterwegs. Die UK Subs-LP "Brand New Age" von 1979 war eine der ersten Punk-LPs, die ich gehört habe, immer und immer wieder. Die Band ist eigentlich fast jedes Jahr unterwegs, ich habe sie allerdings bislang nur einmal gesehen, das muss um 1990 herum gewesen sein. Damals fand ich sie nicht mehr so beeindruckend.

Am Abend vom Ampertal nach München, vor dem Feierwerk stehen schon ein paar rauchende Konzertbesucher, wie bei Punkkonzerten inzwischen üblich, alle weit jenseits der Vierzig. An der Tür winkt uns eine resolute ältere Dame heran. "Ihr wollt auch aufs Konzert? Von acht bis achtzig is heit alles vertreten." Im Konzertsaal treffen sich die Veteranen. Die Zeit ist an uns vorbei gegangen und mit den meisten hier hat sie es nicht gut gemeint.

Das gilt auch für TV Smith, der allein als Vorband spielt. Er sieht aus wie ein Rentner, der zum Joggen gehen will, und schrammelt sich auf seiner Gitarre durch. Seine Stimme ist erstaunlich gut. Die Lieder hangeln sich durch Punk-Klischees, deutlich vor allem bei einem, in dem er sich beklagt, dass man inzwischen nicht mehr wählen oder keinen Einfluss nehmen könnte. Gerade im letzten Jahr hat sich ja gezeigt, dass man in Wahlen durchaus Einfluss nehmen kann. Am Schluss spielt TV Smith (oder Fernseh-Schmitt, wie er sich in einer schönen deutschen Ansage selbst nennt) noch ein paar alte Adverts-Songs. "Gary Gilmore's Eyes" ist beeindruckend und ich stelle fest, dass ich sogar noch einen zweiten Adverts-Song kenne: "Bored Teenager".

Danach kommen die Subs auf die Bühne. Charlie Harper, der eigentlich Frisör gelernt hat, auch wenn man das heute nicht mehr vermuten würde, ist eher klein und rund und macht einen rundum freundlichen und ausgeglichenen Eindruck. Alvin Gibbs, der Bassist, sieht dagegen so aus wie Alan Rickman in seiner Rolle als Professor Snape. Die Band beginnt mit "Emotional Blackmail" von der "Brand New Age", ich fühle mich um ein paar Jahrzehnte zurückversetzt. Die Band spielt gut und flott, ganz und gar nicht wie eine Rentnerband (Schlagzeuger und Gitarrist sind auch etwas jünger), zunächst einmal durch die alten Stücke. Einige dabei, die ich schon lange nicht mehr gehört habe.

Im Publikum gibt es vor der Bühne etwas lebhafteren Pogo, allerdings ohne, dass man sich um die Gesundheit der Beteiligten Sorgen machen müsste. Ein besonders eifriger Tänzer, ein kleiner, dürrer Typ mit einer Schlumpfmütze, kommt bei einem Lied mit auf die Bühne und singt mit. Als er das Mikro nehmen will, schiebt ihn eine resolute Mittfünfzigerin der Security von der Bühne. Als die Band das nächste Lied beginnt, kommt er wieder, klaut Harper das Mirko und singt eine Strophe zur Musik. Die Band lässt ihn zunächst grinsend gewähren, hört dann aber auf, und er wird wieder von der Bühne gebeten. Harper nimmt sich das Mikro und erläutert, sie hätten den jetzt auch mal singen lassen, damit man im Publikum sieht, dass das gar nicht so einfach sei. Beeindruckend findet er aber, dass der Gastsänger ein ganz anderes Lied gesungen hat als das, das die Band gerade gespielt hatte. R., der mit uns beim Konzert ist und für den es das erste Punkkonzert seit Jahrzehnten ist, ist beeindruckt: Früher wäre so jemand kaum heil von der Bühne gekommen. R. hat noch die Gewohnheit von früher, die ich nach den letzten Jahren Rentner-Konzerten abgelegt habe: immer im Blick zu haben, wo der Ausgang ist, ob irgendjemand anfängt zu prügeln, ob irgendwelche merkwürdige Typen kommen. Auch an diesem Abend ist diese Vorsicht nicht notwendig.

Es kommen dann auch ein paar Lieder von der neuen LP "Ziezo", die überraschend gut gelungen ist. Aber weitgehend spielt sich die Band durch die ersten 10 Jahre der Bandgeschichte.  Die Band spielt auch "Warhead", eines der bekanntesten Lieder. Ich hatte das erst vor kurzem wieder in einer Coverversion der Men they couldn't hang gehört und war zunächst überzeugt, dass die den Text aktualisiert hatten, weil es um die Soldiers of Islam stuck between the Russians and Yankees ging. Aber nein, der Text ist von 1979, so viel hat sich in der Weltgeschichte dann anscheinend doch nicht geändert.

Die UK Subs spielen zwei Zugaben, dann ist es auch vorbei. Michali unterhielt sich dann noch kurz mit Charlie Harper und so wissen wir, dass er zwar, wie unser Vater, zwei Söhne, aber dafür sechs Enkel hat. Enkelmäßig ist Harper also in Führung.

Durch den Nebel, der einen kaum 50 m weit sehen lässt, zurück ins Ampertal.

Montag, 13. Februar 2017

Schweinewasser auf die Kopf und naus aus die Fenster

Ende der Sechziger Jahre haben Monty Python eine deutsche Folge des Flying Circus aufgenommen, auf deutscher Seite unterstützt von Alfred Biolek. Die Sketche dieser Folge sind einigermaßen merkwürdig, man hat den Eindruck, dass Cleese und Co. davon ausgingen, es sei schon lustig genug, wenn sie deutsch reden. Ich habe keine Ahnung, wie das deutsche Publikum das damals aufgenommen hat, die Folge gehört auf jeden Fall zu den eher obskuren Python-Werken.

Ich habe sie vor Jahrzehnten einmal gesehen, in Erinnerung geblieben ist mir nur der Sketch "Im Bayrischen Restaurant", der einen vorhersehbaren und sadistischen Plot hat, die übliche Eleganz der Truppe wird durch die mühsamen deutschen Texte durchaus beeinträchtigt. Unabhängig davon bleibt eine aggressiv düstere Atmosphäre, die genügt hat, mir die im Titel genannte Zeile einzuprägen (wie sich zeigt, ist das Zitat dann doch ein bisschen anders). Letzthin hat mir Youtube diesen Sketch vorgeschlagen, Grund genug, sich noch einmal diese merkwürdige Gastlichkeit, mit John Cleese im Trachtenjanker, Nietzsche-Anspielungen und Schuhplattler anzusehen.

Danach ein eisgekühltes Schweinewasser, bitte. Und rein in den Brei.

Freitag, 10. Februar 2017

Politik ist Entertainment

Die Trump-Präsidentschaft treibt die alte Recken wieder aus ihren Verstecken. Die von mir heiß verehrten Scream aus Washington DC, die ich mir in den Achtzigern noch viel öfter live ansehen hätte sollen, kommen mit einem neuen (oder zumindest bislang unveröffentlichten) Stück zurück. Ob das jetzt als Protestsong funktioniert, weiß ich nicht, aber ich wurde tatsächlich ganz nervös, als ich feststellte, dass es da ein Lied von Scream gibt, das ich noch nicht kenne. Und die Burschen sind immer noch gut.


Mittwoch, 8. Februar 2017

Vor 45 Jahren

Am 8.2.1972 starb der große Markos Vamvakaris im Alter von 66 Jahren. Er hat hunderte von Liedern der griechischen Rembetiko-Musik geschrieben.

Es gibt nur wenige Filmaufnahmen von seinen Auftritten, merkwürdigerweise sind die meisten aus dem deutschen Fernsehen. Hier eine kurze Aufnahme von seinem letzten öffentlichen Auftritt (wahrscheinlich Ende der sechziger Jahre), man merkt ihm seine Krankheit deutlich an, die Finger wollen auch nicht mehr so richtig greifen.


Hier Filmaufnahmen von seiner Beisetzung (ich nehme an, das ist alles auf Syros, seiner Heimatinsel).




Zum Todestag wollen wir dann noch ein paar der Lieder aus seinen besseren Zeiten hören.



Alles dabei, die "Augenlider, die glänzen, wie die Blumen auf dem Felde" (das wird immer eines meiner Lieblingslieder bleiben), die Geschichte von den "Leuten mit viel Geld", wie "alle Rembetes auf der ganzen Welt" ihn achten und grüßen, die Liebeslieder an die "süße kleine Verrückte" und das Mädchen mit den "schwarzen Augen und schwarzen Augenbrauen", das "Geflüster im Gefängnis", die Geschichten des "Heroinschnupfers" und der "Streunerin", der serbische Tanz und schließlich "Leg mir die Karten, Zigeunerin".

Sonntag, 5. Februar 2017

Sand im Getriebe

Im November hatte ich zur amerikanischen Wahl geschrieben, dass sie vielleicht zu guter Musik führt, die gegen den neuen Amtsinhaber geschrieben wird, dass ich mir diese aber eher nicht anhören werde (ich habe ein gewisses Misstrauen gegen symbolischen Protest/Protestsymbole).

Nun bin ich aber auf ein Lied gestoßen, das mir gut gefällt, vor allem, weil es versucht, der Apokalyptik einen konstruktiven Geist entgegen zu setzen. Frank Turner, der sich ja die letzten Jahre etwas in springsteenhafter Sozialromantik verloren hat, wird mal wieder klarer politisch und das steht ihm gut.

Mich hat das Lied aufgemuntert; vielleicht geht es euch auch so. Lasst uns der Sand im Getriebe sein.



(Bei der Auswahl des Labels für den Post stelle ich fest, dass in diesem Blog France Gall, Frank Farian, Frank Turner, Freddie Quinn und Fredl Fesl einträchtig nebeneinander stehen. Das ist Punkrock, Alter!)